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Bewegender Dokumentarfilm zum Rassismus in den USA

Der schwarze homosexuelle Schriftsteller James Baldwin lebte nahezu vier Jahrzehnte hauptsächlich in Paris, um dem in den USA herrschenden Rasismus zu entgehen. Als er Anfang der Sechziger zurückkehrte, schloss er sich dem antirassistischen Kampf in den USA an und wurde ein enger Freund von Bürgerrechtlern wie Medgar Evans, Martin Luther King und Malcolm X  - alle drei wurden von rassistischen Weißen als Kämpfer für schwarze Bürgerrechte und Gleichberechtigung erschossen. In dem nachgelassenen Text des 1987 verstorbenen Schriftstellers und Aktivisten „Remember This House“ setzt sich Baldwin mit diesen Verlusten und gleichzeitig mit dem Rassismus in den USA auseinander. Der Filmemacher Raoul Peck unterlegt seinem Documentary "I am not Your negro" (ein Baldwin-Zitat) Auszüge aus diesem Text mit Bildern und Filmsequenzen zur Rassen- und Kulturgeschichte schwarzer Amerikaner. Dabei wechseln sich dokumentarische Sequenzen ab mit Auszügen aus populären Filmen und Bühnenwerken, öffentlichen Debatten zum Thema Rassismus bis hin zu den aktuellen Handycam-Aufnahmen, die die immer wieder vorkommende Gewalt weißer Polizisten gegen schwarze Bürgerinnen und Bürger belegen. Sie zeigen: Es ist noch nicht vorbei - trotz Präsident Obama. "I am not your negro" ist ein kraftvolles Dokument mit Bildern manchmal kaum zu ertragender Schärfe und Grausamkeit und gleichzeitig großer analytischer Klarheit. Er zeigt: Soll der Rassismus enden, müssen die Weißen in den USA (und anderswo) darüber nachdenken, warum sie eine Kaste von Underdogs für ihr Lebensgefühl brauchen.

Ab 30. März kommt der Film, der auf der diesjährigen Berlinale mit dem Panorama-Publikumspreis ausgezeichnet wurde und für den Dokumentarfilm-Oscar nominiert war, als Orignalversion mit deutschen Untertiteln in die deutschen Kinos. Freuen Sie sich auf packende 93 Minuten, die einen lange nachdenken lassen.

 

 

 

Jugend auf dem Lande - von wegen langweilig

Der mit dem Max-Ophüls-Preis 2017 ausgezeichnete Spielfilm "Siebzehn" (Regie: Monja Arts ist bestens dazu geeignet, Erinnerungen an die Irrungen und Wirrungen des eigenen Coming Out herufzubeschwören - mit all dem Aufeinander-Zu und Aneinander-Vorbei, das solche Prozesse häufig auszeichnet: Paula liebt heimlich ihre Klassenkameradin Charlotte, die jedoch einen festen Freund, den gutmütigen Michael, hat, und ihre Gefühle scheinbar nicht erwidert. Insgeheim denkt sie jedoch ständig an Palula - auch, wenn sie mit Michael im Bett liegt. Paula, frustriert ob ihrer bislang fruchtlosen und von den Mitschülerinnen überwiegend bespöttelten offensichtlichen Verliebtheit wendet sich Tim zu, einem schüchternen Nerd, der sich tatsächlich in sie verliebt hat und nach vagen Hoffnungen erleben muss, dass bei Paula für ihn letztlich nichts zu holen ist. Auch der Französischlehrer scheint im Film nicht nur von Paulas Sprachkenntnissen fasziniert, scheitert jedoch ebenfalls. Lilli, eine andere Mitschülerin, verführt Paula schließlich, was weitere Wirrungen auslöst, denn Charlotte hat inzwischen begriffen, dass sie tatsächlich Paula will, aber nun brüstet sich Lilli damit, Paula erobert zu haben. Wer die Auflösung des Knotens erleben möchte, möge ab 27. April das Kino aufsuchen.

Neben der gekonnten Darstellung von jugentlicher Unbekümmertheit in der eher langweiligen ländlichen Umgebung, wo man sich in den immer gleichen Dorfdiskos und -kneipen der Umgebung trifft, schafft es der Film, das wahnsinnige Auf und Ab jugendlicher Gefühle - von himmelhoch jauchzend bis buschstäblich zu Tode betrübt - in Szene zu setzen, ohne je ins Kitschige abzugleiten. Die jugendliche Hauptdarstellerin  Elisabeth Wabitsch bringt alle Gefühle glaubwürdig rüber, und ihr Abgang am Ende des Films wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben - als extrem gelungene Darstellung tief empfundener Rachegelüste. Wohltuend auch, dass der Film dem Publikum Darstellungen moralisierender Eltern oder die üblichen Coming-Out-Konflikte mit der Herkunftsfamilie erspart, sondern sich ganz auf die innere Entwicklung seiner jugendlichen Charaktere konzentriert.

Der Film dauert 104 Minuten, man braucht also etwas mehr Sitzfleisch als bei Bezahlfernseh-Serien und eignet sich garantiert als Rezeptur gegen verregnete Mainachmittage.

Rezension: One Million Rising, wissenschaftlich betrachtet

Christiane Leidinger baut an einer Theorie politischer Aktionen und erweitert die bestehende vor allem durch einen Blick auf queer-feministische Aktivitäten

Politische Aktionen, handele es sich nun um Demos, Straßentanzen, Blockaden, Flugblattverteilen, Sprayen oder Containern, wurden in den Sozialwissenschaften und in der Politikforschung nicht gerade  mit Aufmerksamkeit überschüttet. Und wenn, dann standen meist linke, rechte oder anarchistische Aktivitäten im Mittelpunkt der Betrachtung und gaben zu theoretischen Schlussfolgerungen Anlass, die wiederum den offiziellen Stand der Wissenschaft bilden.

Dies möchte Christiane Leidinger ändern, indem sie die bisherigen Analyseansätze zu politischen Aktionen selbst analysiert und darauf untersucht, ob sie das Bild der Wirklichkeit ausreichend  vollständig wiedergeben, oder ob die bisherige Theorie zu politischen Aktionen einer Erweiterung angesichts jüngerer Aktivitäten bedarf.

Wie nicht anders zu erwarten, wird sie fündig. Denn gerade die Aktivitäten radikaler FeministInnen oder Queer-AktivistInnen (Christiane Leidinger möge mir verzeihen, dass ich der Einfachheit halber Zuflucht zum großen I nehme) sind bisher in die Theoriebildung nicht oder jedenfalls nur ungenügend eingeflossen. Dabei erweitern sie die bisherigen Blickwinkel und theoretischen Vorstellungen erheblich, und genau darum geht es der Autorin.

Das Buch ist keine unbedingt unterhaltsame Lektüre, wer sich jedoch mit politischen Aktionen theoretisch befasst oder über eigene bereits durchgeführte oder geplante Aktionen reflektieren möchte, kann sich in dieser Arbeit Anregungen holen. Denn woanders werden entsprechende Queer-/Transgender oder feministische Menschen möglicherweise erleben, dass gerade ihre geplante Aktionsform von der Wissenschaft eigentlich nicht vorgesehen ist oder nicht wahrgenommen wird.

Bibliographie: Christiane Leidinger: Zur Theorie politischer Aktionen. Eine Einführung. Edition Assemblage, Münster, 1. Auflage 2015. Broschiert, 152 Seiten, 12,80 Euro. ISBN 978-3-942685-96-6

 

Rezension: Geschichte eines lesbischen Tänzerinnenpaares

Eine lesbische Biografie in der Reihe "Jüdische Miniaturen"

Dass Lesben und Schwule anfangen, explizit die Geschichte ihresgleichen aufzuzeichnen, versorgt die Community seit einigen Jahrzehnten mit den Ansätzen einer fortlaufenden kulturellen Historie und damit mit der Chance, sich aufeinander über Zeit und Ort hinweg zu beziehen. Eher ungewöhnlich ist es allerdings noch immer, dass auch anderer Bevölkerungsgruppen explizit ihrer LGBTI*-Angehörigen gedenken.

Umso bemerkenswerter ist das 91seitige Bändichen, das nun in der Reihe "Jüdische Miniaturen" vom Verlag Hentrich & Hentrich veröffentlicht wurde. Geschrieben wurde es von der lesbischen Historikerin und Mit-Betreiberin einer lesbengeschichtlichen Online-Plattform Ingeborg Boxhammer. Sie erzählt das Leben zweier Tänzerinnen: der evangelischen Marta Halusa und der jüdischen Margot Liu, geborene Holzmann. Die beiden lernten sich über ihren Beruf in Berlin kennen und gerieten anschließend in die Mühlen nationalsozialistischer Verfolgung - als Jüdin beziehungsweise Partnerin einer Jüdin, als Lesbe und als Prostituierte. Trotz mehrfacher Verhaftungen, Gefängnis samt Folter und weiterer Repressalien schafften es die beiden Frauen ihre Beziehung und ihre Gefühle zueinander zu erhalten und das Dritte Reich zu überleben. Nach dem Krieg übersiedelten die beiden nach London, wo sie noch lange und endlich in Frieden zusammenleben konnten. Der sehr detailliert dokumentierte Kampf um eine angemessene Entschädigung als Opfer des Fachismus/Nationalsozialismus demonstriert, dass für Abweichler von der heterosexuellen Kleinfamilien-Norm auch nach dem Krieg die Diskriminierung geradewegs weiterging.

Cover Boxhammer

 

Boxhammer bemüht sich um historische Genauigkeit. Sie beschreibt nicht nur Kindheit und Jugend trotz spärlicher Quellenlage so detailliert wie möglich, sondern rekonstruiert auch im Detail, wie sich die beiden während des Dritten Reichs  von Wohnung zu Wohnung, von Job zu Job hangelten, wie Margot Holzmann durch die Ehe mit einem chinesischen Koch versuchte, ihre Sicherheit Dritten Reich zu erhöhen, wie Zufälle und Willkür im Positiven und Negativen dazu beitrugen, dass beide am Ende überlebten. Ein Lehrstück darüber, wie es im Dritten Reich denen ging, die nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Sehr bereichernd sind die an vielen Stellen in den Text eingebauten historischen Fotografien.

Bibliographie: Ingeborg Boxhammer: Marta Haolusa und Margot Liu. Die lebenslange Liebe zweier Tänzerinnen. Aus der Reihe Jüdische Miniaturen, Bd. 175, herausgegeben von Hermann Simon. Hentrich & Hentrich Verlag Berlin, Centrum Judaicum, Berlin 2015. 91 Seiten, broschiert, zahlreiche s/w-Fotografien. ISBN 978-3-95565-116-9, 9,90 Euro.

 

 

 

 

Querverlag-Neuerscheinung: "Berlin wird feministisch"

Anfänge der Berliner Lesbenbewegung aus erster Hand

Im Rahmen seines Frühjahrsprogramms legt das schwul-lesbisch-queere Publikationshaus Querverlag aus Berlin eine reich bebilderte Darstellung der ersten Jahre der Berliner Lesbenbewegung vor. Das Schöne an dem Buch: Es wurde von Cristina Pernicioli geschrieben, die damals an der dffb (Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin) eine Ausbildung absolvierte und zu den Speerspitzen der Frauen- und Lesbenbewegung gehörte und beispielsweise den bahnbrechenden Film "Die Macht der Männer ist die Gewalt der Frauen" über Gewalt in (Hetero-)Beziehungen drehte. Das Buch befasst sich anhand vieler Dokumente und dem Erleben von Pernicioli im ersten Teil mit den Jahren 1968 bis 1974, in denen sich die autonome Frauen- und Lesbenbewegung von der linken Studentenbewegung abspaltete, wie sie langsam ihre eigenen Themen und Artikulationsformen fand und schließlich während des Erstarkens der Umwelt- und Friedensbewegung einen Teil ihres Impetus einbüßte. 

Der sagenhafte Tomatenwurf von Sigrid Rüger auf dem SDS-Kongress 1968, der erste Frauenfilm, die erste Lesbengruppe und so weiter kann man bei der Lektüre miterleben. Deutlich wird auch, wie sich terroristisch aktive Gruppen aus der linken und auch der Frauenszene heraus entwickelten und wie sich die polizeilichen Maßnahmen, etwa häufige Hausdurchsuchungen, im Zuge der Terrorbekämpfung auf diejenigen auswirkten, die in irgendeiner Form mit den Gesuchten in Verbindung gestanden hatten, weil sie etwa zeitweise in einer gemeinsamen WG mit ihnen gewohnt hatten, bevor die betreffenden Personen in den Untergrund abtauchten. Bei der Lektüre sieht und spürt frau/man den Mut der ersten Lesben, die sich offen gegen ihre Unsichtbarmachung durch die Gesellschaft erhoben oder sich gegen die pauschale Verunglimpfung von Lesben etwa im Ihns-Prozess 1974 und der mit dem Fall verbundenen Berichterstattung wehrten.

In einem zweiten Teil ergänzt Pernicioli den Bericht über die diversen Entwicklungen und Aktivitäten um dokumentarisches Material zu einzelnen Personen, Gruppen oder Entwicklungen, die den Zeitgeist, der die Frauen der Bewegung und das Kraftfeld, in dem sie ihre Aktivitäten entfalteten, verdeutlichen.

Über weite Strecken liest sich das Buch spannend und unterhaltsam, in dem angefügten Dokumententeil finden sich neben perlen auch echte Stilblüten, die jedoch mit der Autorin nichts zu tun haben, sondern den Federn anderer entflossen sind.

Übrigens: Dieses Buch bestellt Euch gern und ohne jede Datensammelei Eure Buchhandlung, in München zum Beispiel Lillemors Frauenbuchladen!

Cover Berlin wird feministisch

Cover: Cristina Pernicioli, Berlin wird feministisch. Querverlag, Berlin 2015. broschiert, reich bebildert, 242 Seiten. ISBN 9-783896-562326, 24,90 Euro.

TAZ: Schwerpunkt Homosexualität am 22.1.2015

In der taz ist am 22.1.2015 ein Schwerpunkt zum Thema Homosexualität erschienen. Besonders lesenswert: Der Artikel über einen Frankfurter Schwulen, dessen Psychotherapie in einen Konversionsversuch mit knapp 400 vergeblichen Sitzungen ausartete und den Mann, statt ihm zu helfen, in tiefe Depressionen trieb. Uneingeschränkt lesenswert und Dank an die Autorin. Aufschlussreich auch die Leserkommentare, die zeigen, dass es auch heute noch keinesfalls selbstverständlich ist, die sexuelle Orientierung eines Menschen als selbstverständlich hinzunehmen, statt sie mit Gewalt oder Überredung zu ändern zu versuchen, wenn sie der Mehrheit nicht passt.

Neu im Kino: Von Mädchen und Pferden

ab 4.12.2014 bundesweit in den Kinos

Pferde und die kargen Weiten Nordfrieslands - mindestens eins von beidem sollte frau schon mögen, um den neuen Streifen einer der bekanntesten feministischen deutschen Filmemacherinnen, Monika Treut, aus vollen Zügen genießen zu können. Im Grunde geht es darin um den über Natur und verständnisvolle Menschen vermittelten Weg zu sich selbst. Treut ist in dem Film zu ihren Ursprüngen zurückgekehrt, denn sie stammt aus Nordfriesland. Im Verleih ist der Film bei der Edition Salzgeber.

Der 82-Minuten-Streifen dreht sich um ein elternloses lesbisches Mädchen, Alex (Ceci Chuh), das, bei einer Adoptivmutter aufgewachsen, während der Pubertät in Schwierigkeiten gerät. Seine Adoptivmutter schickt es deshalb, sozusagen als letzte Chance, zu einem Praktikum auf einem Pferdehof in Nordfriesland. Für den Reitunterricht ist dort die lesbische Nina (Vanida Karun) zuständig. Karun nahm schon an den Segeberger Karl-May-Festspielen teil und hat offensichtlich auch im realen Leben Pferdeverstand.

Nina lässt sich von Alex` Unberechenbarkeit und ihrer ostentativen Langeweile in der abgelegenen Gegend nicht beeindrucken. Sie verrät Alex auch nicht, wenn sie immer wieder über die Stränge schlägt. Alex gewinnt allmählich im Umgang mit den Tieren Selbstbewusstsein. Als schließlich die etwa gleichaltrige, aber behütet und verwöhnt aufgewachsene Kathy (Alissa Wilms) mit ihrem Pferd zum Reiterurlaub auf dem Hof eintrudelt, beginnen die beiden so unterschiedlichen Mädchen langsam, sich anzunähern, was natürlich nicht ohne Stolpersteine abgeht. Zu den schönsten Momenten dieser Coming-of-Age-Geschichte gehört es, wenn sich allmählich Lachen und Fröhlichkeit in Alex` trauriges Gesicht schleichen. Ich persönlich bin der Filmautorin dankbar, dass sie auf übertriebenes Drama im Stil amerikanischer Kassenschlager verzichtet hat. So bleibt mehr Raum für den Blick nach innen. (ar)

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Letzte Änderung: 15.03.2017 (PGU)